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29. Dezember 2009 - Carsten Köchel

PEV 2010 ist wichtig für Bochum!

pev2010Als 1931 die Helden-Gedenkhalle in der Christuskirche eingeweiht wurde, gab es zwei Namenslisten. Eine Liste der Bochumer, die im 1. Weltkrieg gefallen sind und eine Liste der vermeintlichen Feindstaaten Deutschlands. Beide lassen heute ahnen, wie damals gedacht wurde. Nun nimmt Jochen Gerz’ Projekt “Platz des Europäischen Versprechens” die zwei Namenslisten in der Helden-Gedenkhalle als Ausgangspunkt und fügt eine dritte Liste hinzu. Eine neue Liste, die nun fast 80 Jahre später wiederum die Denkhaltung ihrer Zeit reflektiert – diesmal ist es unsere Zeit. Eines reflektiert sie bereits jetzt: Wie so viele andere Projekte auch, steht Gerz’ Platz auf der Kippe und wird damit Sinnbild dafür, dass finanzielle und vertragliche Kontroversen sehr schnell die eigentlichen Inhalte überschatten können. Das aber genau darf nicht passieren, wenn man der Kunst eine gesellschaftlich wichtige Rolle zuspricht und sie nicht als nettes Add-on abwertet. Um welche Inhalte geht es also?

13.000 Menschen versprechen Europa etwas

Begonnen hat Jochen Gerz mit seinem Projekt 2007 in Bochum. Menschen von überall sind aufgerufen, ihre Beziehung zu Europa zu hinterfragen. Sie sind niemandem verpflichtet zu sagen, welches Versprechen sie sich und Europa gegeben haben. Ihre Namen sollen in Platten graviert werden, die auf dem Platz vor der Christuskirche verlegt werden. Seit Beginn des Projektes haben sich etwa 13.000 Menschen dazu entschieden, ihren Namen zu geben. Ihre Versprechen werden sie vielleicht mit unterschiedlicher Intensität verfolgen. Manche Versprechen werden vielleicht auch vergessen oder erneuert, im Laufe der Zeit korrigiert oder präzisiert. Aber die Namen und mit ihnen die Gedanken an Europa und um Europa werden bleiben.

Insofern – und das ist charakteristisch für die Kunst von Jochen Gerz – hat das Kunstwerk längst begonnen. 13.000 Menschen haben sich mit der Frage auseinandergesetzt, wie sie zu Europa stehen. Selbst diejenigen, die negative Erfahrung mit Europa zum Ausdruck bringen, mussten sich zunächst die Frage beantworten, was Europa überhaupt ist. Die Kunst von Gerz beginnt in den Köpfen der Menschen, die sich mit ihr auseinandersetzen. Und sie sind mit ihrem Namen Teil des Ganzen. Mit ihrem Namen tragen sie dazu bei, Europa eine Gestalt zu geben.

Jochen Gerz benötigt keinen Platz, um das Kunstwerk zu schaffen, wohl aber um es zu vollenden.

Wenn Jochen Gerz darüber “laut nachdenkt”, den Platz diesen 13.000 Menschen auch an einem anderen Ort zu geben, dann kann er das aus zwei Gründen tun:
1. Die Versprechen selber, und damit der “bewegliche” Teil des Kunstwerkes, sind nicht an einen städtischen Platz gebunden. Es gibt sie bereits – sie sind lautlos ausgesprochen.
Allerdings benötigt das Werk einen physischen Ort, um seine Strahlkraft auch tatsächlich zu entfalten. Ohne manifestierten Ort wäre es nur ein halbes Kunstwerk. Wenn man heute vor der ersten bereits gelegten Platte steht, beginnt man die Namen zu lesen und sucht nach Bekannten oder bekannten Personen. Sozusagen als erste Orientierung, da man sich damit einen kleinen Vorteil erhofft und ihre Versprechen zu erraten glaubt. Dann fallen einem aber viele Namen auf, die man ebenso wenig kennt, wie die Namen der Gefallenen schräg darüber. Genauso verborgen wie deren Schicksale im letzten Jahrhundert bleiben die Versprechen, die diese Menschen gemacht haben. Und dennoch stehen ihre Namen dort. Lautlos, aber da. Die Platten, in die stellvertretend Namen für unsichtbare Versprechen graviert werden, sind wichtig für die Reflektion über die Versprechen selber. Auch im Laufe der Zeit wird man die Fragen stellen wollen: “Was haben all diese Menschen gedacht? Was denke ich?”

2. Jochen Gerz würde vielleicht Orte finden, an die sich das künstlerische Konzept übertragen ließe.
Es wäre allerdings nicht richtig, nach einem neuen Ort zu suchen und Jochen Gerz will dies auch gar nicht. Die Christuskirche ist der Ort, an dem sich die Idee entwickelt hat. Mit Hilfe ihrer eigenen symbolträchtigen Geschichte und damit der Geschichte der Menschen im Ruhrgebiet konnte Jochen Gerz sein Konzept überhaupt erst erzählen. Einen idealeren Ort für PEV 2010 als die Christuskirche gibt es nicht. Mit jedem Umzug würde Jochen Gerz zwar den 13.000 Versprechen eine Heimat geben, gleichzeitig würde er die Versprechen aber auch entwurzeln. Sie sozusagen von dem Ort, an dem sich europäische Geschichte in stärkstem Maße konzentriert, entführen.

Wir Europäer benötigen den Platz des europäischen Versprechens

Jochen Gerz hat Recht, wenn er dazu aufruft, über Europa zu diskutieren. Für ihn ist Europa ein “wunderschönes Land”, aber es “ist blass, weil seine Adern alt werden und verkalken”. In seiner Rede zum Europatag am 10. Mai 2009 bringt er es auf den Punkt:

Europa führt in uns eine eigenartig unwirkliche Existenz, ein Schattendasein. Europa wird von den meisten Menschen wie ein selbstverständliches Schicksal, zu dem es keine Alternative gibt, geduldet. Europa ist kein Thema, man spricht nicht davon und ist am liebsten nicht so häufig daran erinnert. Wehe, Europa stellt sich selbst zur Wahl oder zur Diskussion oder erlaubt es uns demokratisch entscheiden zu müssen, wer und was in Zukunft wirklich Europa sein oder nicht sein soll.

Was wir also benötigen, wenn wir von Nachhaltigkeit sprechen, ist die Chance uns zu beteiligen. Wenn wir die Vielfalt Europas bewahren wollen, müssen wir einen eigenen Beitrag zu Europa leisten. Jochen Gerz lädt uns dazu ein, uns zu beteiligen. Mit dem Platz des europäischen Versprechens schafft er einen Raum an dem man beginnen kann, sich das Europa vorzustellen, dessen Werte wir bewahren und verteidigen wollen. In ganz Europa gibt es kaum einen vergleichbaren Ort, der die Zukunft der Staatengemeinschaft derart thematisiert.

Der europäische Diskurs soll in Bochum stattfinden!

Die Geschichte des Ruhrgebiets ist nicht wirklich alt, aber sie ist durch und durch europäisch. Hier wurden weniger die Entscheidungen getroffen, dafür mussten umso mehr die Konsequenzen getragen werden. Dies ist bis heute so. Mitten in der Innenstadt haben wir einen Platz, der fast vergessen ist, kaum beachtet wird und dem kaum eine Bedeutung beigemessen wird. Es ist ein fast schon generischer Platz, der geradezu nach inhaltlicher Aufladung schreit. Ein Platz, wie man ihn an kaum einer anderen Stelle findet. Eine städtebauliche Lücke zwischen der Innenstadt und der inzwischen international renommierten Jahrhunderthalle, die geschlossen werden muss.

Mit dem Platz des europäischen Versprechens hat die Stadt ein visionäres Projekt in Auftrag gegeben. Dafür verdient sie Applaus. Die Entscheidung war richtig, aber nun muss sie weiter getragen werden. Zumal der Platz inzwischen Außenwirkung zeigt. Es sind keineswegs nur Bochumer, die ein Versprechen abgegeben haben.

Die FAZ sieht Bochum als Verlierer der Kulturhauptstadt [FAZ, Feuilleton, 4. Dez. 2009, Seite 31]. Wir sind anderer Meinung, das zeigt schon die Sammlung der ruhr essentials. Aber es zählt leider nicht nur die Binnenwahrnehmung. Und von außen blickt man weder ausführlich noch immer wohlwollend auf Bochum. Es stimmt allerdings auch, dass die Stadt im Laufe der Vorbereitungen für die Kulturhauptstadt sukzessive an Gewicht verloren hat.

Was kann uns also besseres passieren, als europaweit den einzigen Platz für den wichtigsten europäischen Diskurs in Bochum – mitten im Ruhrgebiet – zu haben. Es gilt alles daran zu setzen, den Platz in seiner ursprünglichen geplanten Form zu realisieren.

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