01. April 2010 - Carsten Köchel
Großstadt-Prärie: Auf der Suche nach dem richtigen Spot

Für den Dreh wollten wir uns in der Marienkirche an der Viktoriastraße treffen. Die Kirche des Bermuda3ecks, gegenüber von Sachs und Intershop und neben dieser leeren Fläche, auf der sicherlich irgendwann mal gebaut wird. Derzeit ist dort die Bochumer Symphonie geplant. Die Kirche also, die kaum einer von innen kennt. Christian Eggert hat nun mit seinem Urbanatix-Projekt die Tür aufgeschlossen.
Um 15 Uhr waren alle da und das Wetter war großartig. Nach 2 1/2 Monaten Schnee – und das im tiefen Westen Deutschlands – endlich mal wieder ein Tag mit Sonne und eisfreien Geländern. Also, nichts wie raus und in den Westpark. Fünf Minuten Fahrt bis zu einer Kulisse der Extraklasse, vor der inzwischen Filmstars feiern, Kronen vergeben werden und Künstler aller Kunstrichtungen spielen wollen.
Keiner der Street-Artisten im Auto kannte den Westpark an der Jahrhunderthalle. Fast alle, die am Urbanatix-Projekt teilnehmen, kommen aus einer anderen Stadt an der Ruhr, aus insgesamt 21 unterschiedlichen Orten. Das ganze Ruhrgebiet ist also ein großes Revier für Selfmade-Artisten unterschiedlicher Disziplinen wie Parkour, Freerunning, Biking, Tricking und Breakdancing. Derzeit treffen sie sich in Bochum.
Die beiden Brüder Besnik und Agron – spezialisiert auf Tricking – kommen aus Minden und Dortmund. Marco Giese, Marvin Werner und Luan Behlulji – Parkour und Freerunning – kommen genau aus der anderen Richtung. Ihr Heimat-Revier ist der Landschaftspark Duisburg. Dort kennen sie jede Strecke, jedes Hindernis. Hier sind sie das erste Mal.
Gierig machen wir uns auf die Suche nach den richtigen Spots und strömen in alle Himmelsrichtungen aus. Das Kamerateam späht nach dem richtigen Motiv, die Artisten testen den schönsten Parkour. Selbst ein Fahrradfahrer hält an, um uns einen Tipp zu geben, von wo aus man den besten Blick hat. Was er allerdings verkennt ist unser Problem. Jeder Blickwinkel ist klasse, man kann sich kaum satt sehen und uns bleiben nur wenige Stunden bis das Licht verschwindet. Frank Goosen hat fast immer Recht wenn er vom Ruhrgebiet behauptet: “Schön is dat nich”. Diesen Ort meint er damit allerdings nicht. Die Kulisse der Jahrhunderthalle ist einfach großartig und der Westpark mit seiner Gradlinigkeit ist dei würdige Parkanlage dazu.
Besnik und Agron brauchen einfach nur eine Fläche und legen los. Elegant, selbstverständlich, wieder eine Körperkunst, zu der dieser Ort inspiriert. Auch die anderen haben ihre Wege gefunden. Wir drehen bis das Licht nicht mehr passt. Dann erst fahren wir wieder in die Marienkirche, wo bereits die anderen Breakdancer, BMXer, B-Boys und Skater an ihrer Choreografie feilen, die sie Mitte Mai in eben dieser Jahrhunderthalle vor großem Publikum uraufführen werden.
Nicht erst seit diesem Nachmittag wissen wir, hier passiert etwas. Die einzelnen Stilrichtungen entwickeln sich zwar weltweit schon seit einigen Jahren. Doch dass die Artisten zusammen eine gemeinsame Performance erarbeiten, das gibt es bisher nur an der Ruhr.
PS: Der Sound kommt von Rockford Kabine. Dahinter stecken zwei Bochumer Musiker, deren Interpretationen großartig zu dem erlebten Nachmittag passen. Mehr Töne dazu unter www.rockford-kabine.de.

























