04. Dezember 2009 - Carsten Köchel
Versteckt und doch schon immer da
Die Christuskirche in Bochum ist die Stadtkirche, liegt direkt neben dem stattlichen Rathaus. Sie ist ein ruhr essential par excellence. Eine mittellose Frau spendet 2.500 EUR für den Erhalt des Turmes “Er war schon immer da, und soll es auch bleiben”. Ihre kleine Geschichte erzählt der Pfarrer Thomas Wessel gerne. Zeigt sie doch wie nah die Menschen der Christuskirche sind, auch wenn sie sie nie betreten haben.
Sie ist eine Kirche ohne Gemeinde für viele Gemeinschaften und Religionen und Kulturen. Sie erzählt die Geschichte des Ruhrgebiets, das wiederum die Geschichte Deutschlands erzählt. Wie fast überall an der Ruhr muss man aber zweimal hinschauen. Und auch dann begreift man nur langsam, dass sich an diesem Ort Bedeutung sammelt.
Die Gedenkhalle im Turm und ihre Listen sind der Ausgangspunkt. Von hier bietet der Hausherr Thomas Wessel den Besuchern zwei Wege, um sich zu nähern. Beide führen auf ihre Art zu Annäherung und Verständnis.
Christus Kirche – Kirche der Kulturen
Auf dem einen begibt man sich von der bebilderten Liste der ehemaligen Feindstaaten in Richtung des Kirchenschiffs, das nach der Zerstörung 1943 in den 50er Jahren bilderlos, architektonisch wertvoll und versetzt entstand und heute spiegelbildlich Künstler aus diesen Staaten zu Gast und Weltmusik einlädt – offene Kirche der Kulturen. Thomas Wessel nennt es Mosaic Music und erinnert daran, dass bei all seinen schrecklichen Folgen der Weltkrieg erst dazu geführt hat, dass sich heute Völker auch über Weltmusik gegenseitig annähern.
In dem Film-Beitrag Kirche der Kulturen erklärt Thomas Wessel, warum die Christus-Kirche als Stadtkirche seit über 100 Jahren Spiegelbild unsere Gesellschaft, Gedanken und Kulturen ist. Kazim Çalisgan, der in Essen das Katakomben Theater leitet, spielt auf der Bendir und Murat Cakmaz ist an der Ney – wir haben selten Filmaufnahmen gemacht, die so ruhig und fast schon spirituell abliefen.
Platz des europäischen Versprechens
Auf dem anderen öffentlichen Weg triff man auf Jochen Gerz, der dem Platz vor der Gedenkhalle Bedeutung mit seinem Projekt “Platz des Europäischen Versprechens” gibt. Oder sollte man inzwischen sagen: traf man auf Jochen Gerz? Auch er bezieht sich auf die Listen der Gedenkhalle, der Feinde und der Gefallenen. Er fügt eine dritte Liste hinzu – die der Lebenden – und fragt genau dort nach einem Versprechen, wo Menschen vor über hundert Jahren aus ganz Europa ihr Wohl suchten, später Waffen gegen ganz Europa produzierten und sich heute aus Europa treffen, um miteinander übereinander zu reden. Dies ist ein Ruhr 2010-Projekt.
In dem Interview macht Jochen Gerz deutlich, dass er seine Projekte immer auch als ein Angebot an seine Mitmenschen versteht, an Orten, die noch nicht definiert sind, neue eigene Geschichten zu schreiben. Insofern wäre der “Platz des Europäischen Versprechens” ein wesentlicher Beitrag zur Identitätsstiftung der Menschen an der Ruhr.
Ob PEV 2010 auch Teil der neuen Geschichte um die Christus Kirche wird, werden wir noch sehen. Jedenfalls ist der Platz wohl nicht zum 31.12.2010 fertig, so wie ursprünglich geplant.

























